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Einmal Silicon Valley und zurück: Teil 1


janwo - 17. August 2022 - 3 comments

So viel lese ich über das Silicon Valley, über die einzigartigen Firmen, die daraus entstanden sind und die Menschen, die es täglich prägen. Kein Wunder also, dass es ein von mir lange gehegter Wunsch war, einmal selber dort zu leben und zu arbeiten. Mein Arbeitgeber Roche hat mir genau das ermöglicht und damit darf ich einen weiteren Haken in meiner Bucket List setzen. Insgesamt werde ich jetzt drei Monate (August bis Oktober) in South San Francisco leben und arbeiten, denn mit einem 90-tägigen B1-Visum geht das alles recht problemlos, wie ich festgestellt habe. Viel Spaß also beim ersten Teil einer Reihe von Beiträgen aus dem Techmekka an der Westküste der USA.

Warum grade San Francisco?

Streng genommen gehört South San Francisco nicht zum sogenannten Silicon Valley. Das ist eine Region die erst ein paar Meilen südlich meiner Unterunft und Arbeitsstätte anfägt. Das Silicon Valley ist nämlich ein Nickname vom Santa Clara Valley. In den meisten Diskussionen wird aber nahezu alles ab San Francisco City bis nach San Jose dem Silicon Valley zugeschrieben.

Silicon Valley Map (Quelle: Wikipedia)

Die Gemeinsamkeit des Wirtschaftsraumes Silicon Valley und der Stadt San Francisco ist, dass sie zur Bay Area zählen – einem Raum, dem neun an der Bay angrenzende Counties zu zählen. Dabei ist es heute falsch den Begriff nur auf eine geografische Region anzuwenden, denn es geht mehr um eine Kultur!

Eine Kultur, die geprägt ist vom Erfindergeist, dem Mut neues auszuprobieren, grosse Risiken einzugehen, Gegebenheiten ständig zu disruptieren, Veränderungen zu treiben und zu gestalten, gemeinschaftlich immer wieder den Status Quo zu hinterfragen und überzeugt zu sein davon, dass Technologie die meisten unserer Probleme auf der Welt lösen kann.

Viele bekannte Tech-Unternehmen sitzen in den anderen Counties rund um die Bay Area…auch in San Francisco selber, wie Twitter, Reddit, Uber oder Pinterest. Soweit aber genug zur Geschichte.

Grundsätzlich ist mein Ziel, einfach viel mehr zu erfahren, wie es ist, in dieser berühmten Wirtschaftsregion zu leben und zu arbeiten. Zu diesem Zweck habe ich Treffen mit namhaften Firmen ausgemacht wie zum Beispiel Apple, Google oder Cisco. Aber auch die Headquarter von Intel, eBay oder HP stehen auf dem Plan.

Ich möchte aber auch erfahren, wie es für die Menschen hier ist. Schon in der ersten Woche habe ich erfahren, dass aufgrund der meist gutbezahlten Tech-Angestellten die Lebenshaltungskosten enorm sind. Das hat zur Folge, dass viele weiter aufs Land ziehen, was wiederum ein Auto notwendig macht. Das führt wiederum dazu, dass die Strassen ständig durch den Verkehr verstopft sind, was wiederum dazu führt, dass die meisten Menschen nun lieber von zu Hause arbeiten. Was wiederum dazu führt, dass die Firmen es schwer haben, die Menschen nach der Pandemie wieder ins Büro zu bekommen. Ganz zu schweigen, dass es so nahezu unmöglich wird, über eine Mobilitätswende zu sprechen, wie wir das in Deutschland tun. Also irgendwie ein Rattenschwanz, der nicht so leicht zu lösen ist.

Über das Leben und Arbeiten hier

Ich lebe und arbeite in South San Francisco – in dem dortigen Hotspot für Biotech-Unternehmen. An meinem ersten Tag war ich so naiv und dachte ich laufe zur Arbeit (schliesslich läuft der Europäer) aber ich musste feststellen, dass die Entferungen einfach anders sind und der Massstab auf dem Handy trügerisch ist. Zumindest habe ich während dem Laufen durch das hiesige Industriegebiet bemerkt, wie viele Startups und namhafte Biotech- und Pharmabetriebe hier zusammen kommen.

San Francisco (1)
Aussicht aus dem Büro

Das Beste an meiner Unterkunft: Eine eigene Küche. Man kann hier im Hotel zwar auch „Frühstück“ bekommen aber das ist nicht vergleichbar mit einem Frühstück wie wir es aus Hotels kennen und beschränkt sich auf Jogurt und super süsse Donuts. Da würde ich nach den paar Monaten kugelrund wieder zurück kommen. Was ich aber liebe ist der amerikanische Filterkaffee – nicht dieses Kapselzeug auf das man in Deutschland und der Schweiz so steht.*bähh
Heute erst habe ich gelernt, dass es nicht „Filter coffee“ heisst, sondern „Drip Coffee“…denn schliesslich tröpfelt der Kaffee bei dem Verfahren. Somit geht jeden Morgen mein erster Gang an die 5 l Kanne mit Tropf-Kaffee….lecker!

Über die Menschen

Ich versuche viel mit den Menschen hier in Kontakt zu kommen und zu erfahren, wie es für sie ist, hier zu leben und zu arbeiten. Eins habe ich auf meinen Erkundungstouren durch die Städte hier schnell bemerkt: Manchmal sind grosse Unterschiede, zum Beispiel zwischen Arm und Reich oder einzelnen Bevölkerungsgruppen nur einen Block voneinander entfernt.

Ich habe manchmal das Gefühl, immer zwischen Extremen unterwegs zu sein. Das zieht sich irgendwie durch alles durch: Diskussionskultur in den Radio- und TV-Shows, Einkommensverhältnissen, Lebensstandards und vieles mehr. Ich vermisse irgendwie den Bereich dazwischen: Das grau statt nur schwarz und weiss. Es unterstreicht aber auch den Eindruck, den wir in Europa oft von den USA haben. Oft treffen Extreme aufeinander und tun sich schwer, den Mittelweg zu finden.

Was mir bisher stark auffällt, ist das Thema Diversity! Es wird sehr viel und stark darüber geredet, was LGBTQI+ bedeutet. Teilweise so stark, dass man des Themas fast müde werden kann, denn es ist auch einfach anstrengend, immer aufpassen zu müssen, niemanden „auf die Füsse zu treten“. Es hat auf jeden Fall einen stärkeren Einfluss auf Gesellschaftsdiskussionen, als ich das aus Deutschland oder der Schweiz kenne. Sowohl im beruflichen wie im privaten Spektrum. Es ist aber schön zu sehen, dass grade hier in der Region, in der Regel jeder so sein kann wie er möchte.
Und so vehement man bemüht ist, dem Thema Vielfalt Raum zu geben, gibt es wieder extreme Strömungen, die genau das nicht wollen: So kam mir letztes Wochenende in Pacifica eine Gruppe junger Männer mit nackten und stark tätowierten Oberkörpern entgegen, wobei der erste in der Gruppe, ein riesiges Hakenkreuz über die ganze Brust tätowiert hatte. Einfach nur schockierend. Man kommt immer von einem Extrem ins Nächste.

Die Sache mit der Nachhaltigkeit

Auch hier habe ich binnen kürzester Zeit wieder die verschiedenen Extreme kennenlernen dürfen: Beim Besuch eines Piers und der dortigen Angler habe ich gleiche Einem so viel Glück gebracht, dass er einen Fisch gefangen hat. Nachdem er ihn gelandet hatte, kamen gleich mehrere umstehende Angler und boten Maßbänder an, um die Mindestlänge des Fisches zu überprüfen. Es ist eine Kleinigkeit (die von Anglern gerne mal vergessen wird), aber zeigt, dass man (in diesem Fall) bewusst mit den Ressourcen umgeht.
Dann sehe ich aber immer wieder Autos, die vor den Einkaufsmärkten oder sogar vor dem Hotel, mit laufendem Motor abgestellt werden, damit sie schön kühl bleiben. Solange sowas möglich ist, sind die Spritpreise wirklich noch nicht hoch genug.

Auch das Thema E-Mobilität ist stark ausgeprägt. Ich habe zumindest das Gefühl mehr E-Autos zu sehen, als bei uns zu Hause. Und ja, ich weiss, dass das in den ländlicheren Teilen anders ist. Dennoch sind die Techfirmen auch bei dem Thema vorne mit dabei: Sie rüsten ihre ganzen Shuttledienste auf E-Busse um und vermieten diese teilweise an die öffentliche Hand und andere Firmen. Sie bilden einen festen Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes – ganz anders als bei uns, aber wegen der schieren Entfernungen scheinbar schwer anders umzusetzen.

Dann fallen mir immer wieder Verpackungen auf: Überall vermehrt Einweg! Ich denke hier gilt es noch einen langen Weg zu bestreiten, um auch in dem Bereich bewusster mit den Ressourcen umzugehen. Positive Vorreiter sind auch hier wieder die Firmen: Dort sehe ich überall Poster mit Hinweisen auf Geschirr oder dass man seine eigenen Tassen mitbringen kann, um Müll zu vermeiden. Ich finde es erstaunlich, welche wichtige Rolle die „modernen“ Unternehmen haben, wenn es um das Treiben von Veränderungen geht.

Die Umgebung kennenlernen

Was schaut man sich als Erstes an, wenn man in der Bay Area ist? Genau: DEN Hotspot für die Rekrutierungen der Techunternehmen…die Stanford Universität. Nachdem man in Europa immer von den amerikanischen Eliteuniversitäten liest, wollte ich mal selber eine anschauen und was soll ich sagen. Ich wurde nicht enttäuscht. Ein top gepflegtes, riesiges Campusareal. Nicht zu vergleichen mit meinem damaligen. Man merkt einfach, dass dort Geld drinnen steckt. Lustiger Fun Fact: Als nicht-religiöser Mensch ist mir natürlich die Kirche in der Mitte aufgefallen. Direkt vor dem Eingang stand ein Schild, dass, denke ich, nicht zu weit hergeholt ist, wenn man ansonsten den jungen Menschen Naturwissenschaften und ein faktenbasiertes Leben lehrt. 😉

Ausserdem sind mir überall an den Infoboards die Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine aufgefallen inkl. zugehöriger Spendenaufrufe und Flagge. Und wie bereits erwähnt, war auch das Thema Vielfalt in Geschlecht und Hautfarbe spürbar. Alles andere hätte mich an so einer Uni aber auch gewundert.

Nach einem Abstecher nach Palo Alto Downtown ging es die Tage dann noch an den Strand nach Pacifica und zum Sightseeing nach Norden: Ocean Beach und dann weiter zum Aussichtspunkt Lands End Lookout.

Watchout

Heute hatte ich mein Klärungsgespräch zur Vorbereitung meines Besuches des Apple Campus. Montag werde ich mir außerdem einmal die Vision neuer Arbeitsräume bei WeWork ansehen. Ausserdem würde ich noch gerne Twitter, HP, Uber und Reddit besuchen. Bei den Firmen bin ich aber noch auf der Suche nach Kontakten 😉

Ausserdem habe ich von meinen Kollegen hier eine Liste mit zig Empfehlungen bekommen, was man sich anschauen sollte – neben Firmen. Ich denke da werde ich auch noch einiges ausprobieren. Also seid gespannt und falls ihr noch Tipps habt, nur her damit.

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3 comments

  1. Lieber Jan,

    das liest sich alles super spannend und viele Deiner Eindrücke decken sich mit meinen, die ich während meiner Fliegerjahre in Städten wie Los Angeles, New York, San Fransisco und Charlotte sowie privat in Florida sammeln durfte (30 Jahre her, aber scheinbar hat sich nicht viel geändert!). Ich bin sehr gespannt, wie Deine Kontaktaufnahme bei den riesigen Firmen läuft und wie weit sie Dir die Türe öffnen. Ich wünsche Dir ganz viel Spaß bei Deinen Erkundungen und lese wieder gerne von Dir!

    Liebe Grüße
    Heike

  2. […] meines, sagen wir, Auslandstagesbuches. Da ich überrascht und begeistert von den Reaktionen auf meinen ersten Artikel war, habe ich mich entschlossen, dieses Mal noch weiter zu gehen. Daher habe ich sogar noch schnell […]

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